Ich hatte ja zuvor schon einmal über die Probleme, GeoGebra in die Paketquellen von Debian zu bringen berichtet. GeoGebra ist eine weit verbreitete, in Java geschriebene Software für die Erstellung und Berechnung mathematischer Figuren.
Nun sieht es so aus, als wäre das Problem quasi erledigt. Giovanni Mascellani hatte ja die Paketierung trotz aller Proteste der GeoGebra-Entwickler fortgeführt. Diese wollten nicht, dass man GeoGebra von anderen Quellen als von ihrer eigenen Website beziehen konnte. (Zudem hatten sie das Java-Archiv signiert…) Daher haben sie uns mit mehreren Mails aufgefordert, alle GeoGebra-Pakete aus PPAs zu entfernen und die Paketierung für Debian und Ubuntu sofort abzubrechen. Da das Projekt OSS ist, steht es Debian aber eigentlich frei, GeoGebra in die Quellen zu bringen oder nicht. Einige weitere Probleme haben dann noch eine Menge unfreie Codestücke im GeoGebra-Code bereitet. Jede OpenSource-Software in Debian muss den DFSG (“Debian Free Software Guidelines”) entsprechen. Diese legen fest, ob eine Software wirklich als frei (im Sinne von “Freiheit”) zu betrachten ist oder nicht. In GeoGebra waren nun unter anderem Codestücke drin, die kommerzielle Nutzung verboten. (Was unfrei ist) Dieser Code ist jetzt von Giovanni ersetzt worden, hauptsächlich durch neue Java-Libs. Damit ist das Paket “geogebra” nun schlussendlich doch in den Debian-Repositorien angekommen. Giovanni versucht noch, die GeoGebra-Entwickler davon zu überzeugen, wie viele neue Nutzer sie durch die Integration bekommen können, da es wohl noch etwas Protest gab.
Alles in Allem haben aber die Nutzer “gewonnen”, da sie natürlich den Vorteil aus der Paketierung ziehen. Ich selbst wundere mich nur ein weiteres Mal über dieses seltsame Verhalten eines so renommierten OpenSource-Projektes.
Für Ubuntu-Nutzer gibt es übrigens eine gute und eine schlechte Nachricht: GeoGebra wird mit der kommenden Ubuntu-Version (10.10:Maverick) in den Paketquellen und damit auch im Software-Center zu finden sein. Die schlechte Nachricht ist, dass man momentan wegen der vielen neuen Java-Abhängigkeiten das GeoGebra-Paket nicht besonders einfach aus Debian Testing installieren kann. Bis zu Maverick kann man aber die offiziellen Downloads der Entwickler nutzen.
Mit welchen Gründen rechtfertigen die Geogebraentwickler ihr merkwürdiges Verhalten?
Ich zitiere mal eine Mail der Entwickler:
> [We] do not wish to have in the Ubuntu repository a GeoGebra package that is not maintained by the developers themselves. Thus, we request that you withdraw your package from the package review process. This will be in the best interests of both the Ubuntu and GeoGebra communities.
Also ganz ehrlich: Keine Ahnung, was die genauen Gründe sind. Ich denke nicht, dass es Unwissenheit über die Funktion der Paketquellen ist. Mich interessiert das Thema selber, daher werde ich das auch weiter verfolgen.
Zwar komisch, dass OSS-Entwickler nicht wollen, dass ihre Software in Paketquellen einfließt, aber egal, Hauptsache die Software ist jetzt in Debian und Ubuntu vorhanden.
Sie können ja ihr eigenes PPA aufmachen, dann hätten sie wieder die Kontrolle über die Paketierung.
Tja, komisches Verhalten …
Ich finde es ja auch sehr eigenartig das die hunderten kleinen Werkzeuge die es so für Windows gibt (wie zum Beispiel CPU-Z oder μTorrent) zwar meist gratis aber nur selten frei sind. Selbst wenn der Entwickler keine Lust hat den Quellcode aufwändig zu kommentieren, übersichtlich zu gestalten etc., damit ihn andere Leute ordentlich verstehen und lesen können, so könnte er ihn doch wenigstens veröffentlichen. Schaden tut es ihm schließlich nicht und interessierte Entwickler könnten profitieren.
μTorrent wurde für teuer Geld an BitTorrent inc. verkauft. Aus Entwicklersicht machte das schon Sinn. Schade, dass der offizielle Client jetzt Windows-only und closed-source ist, aber gut es gibt ja zig freie Oberflächen
Wow. Das ist ja echt schraeges Verhalten der Entwickler. Naja. Wer generell Programme in der Richtung sucht, dem empfehle ich noch Qtiplot. Das ist in den Quellen und ein super Programm! Ist auch weitgehend kompatibel zu Origin.
[...] noch ein Nachtrag zum Fall GeoGebra. Für die, die es nicht wissen: GeoGebra ist eine weit verbreitete, in Java geschriebene Software [...]
Hallo, ich bin der Projektleiter von GeoGebra und darf mich hier kurz zu Wort melden. Ich bin ehrlich gesagt sehr überrascht ueber diesen Blog Eintrag, da diese Bemerkungen offensichtlich auf ein Missverstaendnis des Autors zurueckzufuehren sind.
Wir unterstützen die Bereitstellung von Linux Paketen voll und haben eng mit Giovanni zusammengearbeitet, um Debian und Ubuntu Pakete zu bekommen. Wir freuen uns such sehr, dass diese gemeinsam entwickelten Pakete jetzt dann in den offiziellen Repositories zu finden sein werden, weil das die einfachste Lösung für unsere Nutzer ist (automatische Updates).
Der wichtige Punkt war für uns nur, dass wir gemeinsam solche Pakete entwickeln wollen, um auch sicherstellen zu können, dass wir Bugs in den Linux Versionen fixen können. Bei Open Source Projekten geht es darum zusammen zu arbeiten und gemeinsam gute Qualität zu liefern. Wir wollten deshalb nicht,dass jemand schnell eine buggy Version hochlädt. Alle die uns bei der Erstellung von Linux Paketen helfen möchten sind herzlich eingeladen, das mit uns gemeinsam zu tun. Dann können wir gute Qualität jetzt und für Updates sicherstellen.
Viele Grüße
Markus@geogebra.Org
Vielen Dank für deinen Kommentar! Ich habe die Sache bereits in einem anderen Beitrag richtig gestellt, nachdem ich nochmal mit Giovanni gesprochen habe. Debian-Pakete werden i.d.R. generell sehr eng mit Upstream zusammen entwickelt, daher war die anfängliche Reaktion der GG-Entwickler etwas merkwürdig für uns, für mich als Maintainer der Pakete in GetDeb und diversen PPAs und für Giovanni als Paketierer für Debian auch.
Zudem bekam ich eine Menge an Nachfragen nach dem GeoGebra-Paket als ich es von GetDeb entfernt hatte und musste diesen Leuten auch einen Grund dafür nennen. (Einige Schulen nutzten GeoGebra aus dieser Quelle) (Ich wurde damals in einer Mail gebeten, die Pakete zu entfernen und die JavaWebStart-Anwendung zu nutzen. Zudem würden die Entwickler bald selbst Repositorien anbieten)
Dieser Beitrag hier ist schon etwas älter und selbstverständlich habe ich das Missverständnis richtig gestellt: http://blog.nlinux.org/2010/07/geogebra-nachtrag/
Zugegeben, die Sache war extrem chaotisch und als irgendwer dann auch noch eine Mail erhielt, dass nur ein signiertes JAR-Archiv genutzt werden dürfe, waren auch alle Verfolger des Aufnahmeprozesses in Debian etwas verwirrt.
Naja, egal, das “Problem” ist ja geklärt. Danke für die (hochoffizielle) Nachricht.
Viele Grüße
Matthias
P.S: Sie können mich per Mail erreichen, wenn noch irgendetwas falsch dargestellt sein sollte: matthias@nlinux.org (Wenn, dann möchte ich auch dass die Sache wirklich richtig gestellt ist)